Guter Hirte

eine Aktion in der Kirche St. Rupert / München    2010

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Am Altar der Münchner Kirche St. Rupert steht vom 19. bis 21. März 2010, den Tagen von OpenWestend 2010 in einem Gehege eine kleine Schafherde.

Während der drei Tage werden die Schafe in dem Gehege artgerecht gehalten und nehmen durch ihre Präsenz und Interaktion am kirchlichen Gemeindeleben teil.

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In der christlichen Symbolik taucht das Schaf und respektive sein Hirte immer wieder auf. Der Nahe Osten war um Christi Geburt geprägt von einer noch stark nomadisch bestimmten Agrargesellschaft. Das Schaf war damals und ist bis heute in dieser Region das die Region bestimmende Weidetier. Neben Milch und Wolle liefert es den Menschen in erster Linie Nahrung in Form seines Körpers.

In der jüdischen, der christlichen und der islamischen Religion spielt das Schaf folgerichtig auch eine wichtige Rolle als Opfertier, wenn auch manchmal nur im metaphorischen Sinn. Das „Lamm Gottes“ wurde bereits im frühen Christentum zum Symbol des Heilsgedankens und der Auferstehung. Hingabe, Aufopferung und Erlösung bilden die transzendente Fortsetzung der blutigen Opfer des Alten Testaments.

Im Gegenpol zum Lamm Gottes taucht auch der gute Hirte als Symbol für Christus auf, nun nicht mehr als unschuldiges, sich aufopferndes Wesen, sondern als Herr und Führer, der die einzelnen Tiere seiner Herde gut kennt und beim Namen ruft.

In der Moderne ist der Symbolwert von Schafen und ihren Hirten weitgehend verloren gegangen. Der globalisierte Städter kennt in der Regel Schafe entweder als ländliche Romantik transportierende Kuscheltiere oder als abstraktes Konsumgut in Form von tiefgekühlten Lammkoteletts und Wollpullis.

Viele in Städten aufwachsende Kinder kennen Schafe wohl nur noch aus dem Bilderbuch oder dem Streichelzoo.

Die sicherlich provokante Aktion „Guter Hirte“ soll den Kunstbetrachter wie den Kirchenbesucher zum Nachdenken über die Diskrepanz Natur – Kultur anregen.

Naturlandschaften wandeln sich in Kulturlandschaften und schließlich in Landschaften der Industrialisierung und Unkultur.

Auf einer anderen Ebene kann der Betrachter nachdenken, wie die Institution Kirche mit ihren Schutzbefohlenen umgeht.

Der „Gute Hirte“ kennt nicht nur seine Schafe beim Namen, er führt auch ein Leben im Einklang mit der Natur. Mit seinen Schafen pflegt und erhält er die Natur-/Kulturlandschaft und kennt die Grenzen des Seins.

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